Streit um Namensgebung: Darf ein Museum nach einem NS-Funktionär benannt werden?

 

Hans Georg Calmeyer entscheidet im 2. Weltkrieg über Leben und Tod. Der inzwischen verstorbene Osnabrücker Jurist leitet während der deutschen NS-Besatzung in Holland die Abteilung „Innere Verwaltung“. Er muss in „rassischen Zweifelsfällen“ entscheiden, ob jemand Jude sei oder nicht. Hans Georg Calmeyer ändert die Abstammungsurkunden von mehr als 2500 Juden zu „Ariern“ oder „arischen Mischlingen“ – und rettet damit ihr Leben. Auf der anderen Seite lässt der NS-Funktionär aber auch 1200 Juden in Konzentrationslager deportieren.

Als Andenken an seine Juden-Rettungen soll jetzt ein Museum in Osnabrück den Namen „Calmeyer“ tragen. Ein Streit darüber zwischen Befürwortern und Gegnern ist im vollen Gange.

 

War Hans Georg Calmeyer ein Held?

 

„Er war in einer ausweglosen Situation und hat in dieser ausweglosen Situation tausenden von Menschen das Leben gerettet“, sagt Joachim Castan. Der Befürworter der „Calmeyer“-Kunsthalle ist Mitglied im Museums-Beirat. Hans Georg Calmeyer sei kein Held gewesen, führt Joachim Castan im RTL-Interview weiter aus, aber „Herr Calmeyer war sehr mutig. Er hätte im Prinzip arbeiten können wie ein normaler Jurist und hätte sagen können, so ist die Gesetzeslage und hätte sich nach dem Krieg rausreden können damit, dass er nur nach Gesetzeslage gehandelt hat. Stattdessen hat er sein Leben eigentlich aufs Spiel gesetzt und hat versucht, so viele Leute zu retten, wie es eben ging.“

 

„Hans Georg Calmeyer war Teil der Nazi-Organisation“

 

Hans Knoop ist Jude und hat den Holocaust überlebt. Der 78-jährige gebürtige Holländer ist extra nach Osnabrück gefahren, um seine Ablehnung gegen ein „Calmeyer“-Museum zu demonstrieren. Eine Petition gegen die umstrittene Namensnennung hat Hans Knoop bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt. Unterschrieben hatten unter anderem der niederländische Ex-Ministerpräsident und die ehemaligen Bürgermeister von Amsterdam und Rotterdam. „Wir fordern gar nichts“, betont Hans Knoop im RTL-Interview. „Wir bitten nur um Verständnis, dass wenn man dieses Haus nach Calmeyer benennt, dass man damit Holocaust-Überlebenden wehtut. Es kann sein, dass er Juden gerettet hat. Aber er hat auch Juden nach Ausschwitz geschickt.“ Für Hans Knoop wäre die Entscheidung für ein „Calmeyer“-Museum schlecht für Osnabrück und Deutschland: „Man sollte dieses Haus nicht nach jemand benennen, der während des Krieges in Holland Teil der Nazi-Organisation war. Calmeyers Funktion war ‚Rasse-Referent‘.“

 

Calmeyer über Calmeyer

 

Held oder Mittäter? Ein Humanist, tief verstrickt in das Unrecht des NS-Regimes? Bereits nach Ende des 2. Weltkriegs wird in Deutschland über das Wirken von Hans Georg Calmeyer diskutiert. Der Betroffene selbst gibt 1946 gegenüber holländischen Behörden zu Protokoll, ihm sei klar gewesen, dass er „grenzenlos belogen und mit falschen Beweismitteln betrogen“ worden sei. Er sah sich selbst deshalb ausdrücklich als „Saboteur der Judengesetzgebung“. Weiter sagt Hans Georg Calmeyer damals: „Ich sah mich selbst als eine Art Arzt, der auf einem von der Außenwelt völlig abgeschnittenen Posten für 5.000 Todkranke nur 50 Ampullen einer Medizin besitzt, durch die es ihm möglich ist, mit 50 Injektionen nur 50 von 5.000 vor dem sicheren Tod zu retten. Welche 50 Patienten soll er retten?“

 

„Es gibt nicht nur Gut oder Böse“

 

Viele Historiker debattieren seit Jahrzehnten wie mit der Person Hans Georg Calmeyer umgegangen werden soll. Auch Jannis Panagiotidis diskutiert in Osnabrück mit. „Er war jemand gewesen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten nicht der radikalste Judenverfolger war“, sagt der Historiker im RTL-Interview. „aber er war gleichwohl Teil dieser Besatzungsmaschinerie und Vernichtungsbürokratie.“ Für Geschichts-Professor Alfons Krenkmann hat Hans Georg Calmeyer dagegen „bei der Judenrettung Großes geleistet.“ Gleichzeitig habe Calmeyer die deutsche Besatzungsbürokratie aufrechterhalten und gefördert. „Das ist die Ambivalenz seiner Figur.“ 

 

Kompromiss in Sicht?

 

Im Osnabrücker Museums-Beirat wird die Diskussion um die Namensnennung seit vier Jahren kontrovers geführt. Vor dem Hintergrund kam es sogar schon zu Rücktritten. Als Kompromiss wird überlegt, die Kontroverse zu verlagern: Statt eines „Calmeyers“-Schriftzug am Museum soll die Ambivalenz seiner Figur im Museum verdeutlicht werden – und zwar in Ausstellungen und Symposien. Die Frage nach der Namensnennung wäre aber nur aufgeschoben. Spätestens kommendes Jahr soll die Entscheidung fallen, ob das Osnabrücker Museum tatsächlich nach Calmeyer benannt wird - oder nicht.


Metin Turan

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