Mit dem Rad quer durch den Norden: Unterwegs auf dem Oste-Radweg

 

Coronabedingt fällt der Urlaub im Ausland für viele von uns in diesem Jahr flach. Dafür bietet sich aber die Chance, die eigene Heimat mal ganz neu zu entdecken - zum Beispiel mit dem Rad. Der Oste-Radweg führt einmal quer durch Niedersachsen, vorbei an Mooren, Melkhüs und dem „Eiffelturm des Nordens“.

 

Entdeckungsreise quer durch Niedersachsen

 

Insgesamt 145 Kilometer läuft der Radweg an der Oste entlang: Von der Quelle südlich von Tostedt bis zur Mündung in die Elbe. Mit etwas Kondition oder einem Elektro-Rad ist die Strecke an einem Tag zu schaffen. Wer abseits vom Radweg aber auch etwas entdecken möchte, sollte dafür lieber zwei Tage einplanen, denn zu entdecken gibt es eine ganze Menge.

 

Ohne Moos nix los im Tister Bauernmoor

 

Etwa 15 Kilometer von Tostedt entfernt liegt ein ganz besonderes Naturschutzgebiet: Das Tister Bauernmoor. Wer bei Mooren an tote Landschaft denkt, liegt falsch. Auf dem sauren, nährstoffarmen Boden wachsen Pflanzen wie Wollgras, Flatterbinse und, ganz besonders wichtig, das Torfmoos. Die abgestorbenen Teile der Pflanze bilden auf dem Grund neue Torfschichten, die oberen Teile dagegen spalten CO2 und erzeugen dabei Sauerstoff. „Diese Torfmoore speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder auf dieser Erde zusammen“, erklärt Hartmut Vollmer vom Moorbahnverein Burgsittensen. Damit sind Torfmoore echte Klimaretter.

 

Fernglas und Fotoapparat nicht vergessen

 

Besucher können das ruhige, abgeschiedene Moor zu Fuß erkunden. Seit bereits 70 Jahren lädt aber auch die historische Torfbahn vom Moorbahnverein zu einer Entdeckungstour ein. Im gemütlichen Tempo geht es damit zum Aussichtsturm. In 6,5 Metern Höhe bietet der einen fantastischen Ausblick über die weiten Wasserflächen, in denen zahlreiche Vögel leben. Wer Glück hat, bekommt hier sogar den größten Raubvogel Europas zu Gesicht: Den majestätischen Seeadler. Ab Oktober nutzen dann vor allem die Kraniche das 570 Hektar große Moor für eine kurze Erholung. Es lohnt sich also, ein Fernglas und den Fotoapparat mitzubringen.

 

Bei Eis oder Milchshakes im Melkhus Energie tanken

 

Über viele kleine Brücken und vorbei an idyllischen Dörfern geht es weiter Richtung Norden. In Heeslingen können Radfahrer an einer ganz besonderen Raststätte Energie tanken. Auf dem Hof der Familie Koeneke steht eins von 57 „Melkhüs“. Die kleinen grünen Häuser mit dem roten Dach bieten Gästen kleine Stärkungen rund um die Milch. „Wir sind jeden Tag für unsere Gäste da und haben im Melkhus alles zum Thema Milch, ob das nun Kuchen ist oder Eis, Milchshakes, Quarkspeisen…“, erklärt Uta Koeneke.

Nach einer kleinen Pause im selbstgebauten Strandkorb lohnt sich auch ein Besuch im Hofladen. Seit 2006 verkauft die Familie Produkte aus der Region und vom eigenen Hof. Hier gibt es unter anderem leckeren Fliederbeerblütensirup, für den die Koenekes 2013 sogar als „kulinarischer Botschafter“ ausgezeichnet wurde.

 

Preisgünstig übernachten im Bremervörder „Ostel“

 

Als Etappenziel für den ersten Tag bietet sich Bremervörde an. Die kleine Stadt am Vörder See ist ein staatlich anerkannter Erholungsort. Übernachten können Fahrrad-Touristen zum Beispiel im Jugendhotel „Ostel“. Alte Stockbetten und kalter Hagebuttentee sind hier Fehlanzeige. Stattdessen gibt es moderne Einzel- und Doppelzimmer zum günstigen Preis.

 

Hinter Bremervörde wandelt die Oste ihr Gesicht: Aus dem beschaulichen Flüsschen wird eine breite Bundeswasserstraße, die mit Kanu, Boot oder einer der traditionsreichen Prahmfähren überquert werden kann. Hier beginnt damit auch die Deutsche Fährstraße, die sich von Bremervörde bis nach Kiel entlang der Oste durch den Norden schlängelt. Wer mit dem Rad unterwegs ist, folgt ab hier ihrer Beschilderung. Allerdings: Nicht an allen Kreuzungen ist der Radweg ausgeschildert. Radlern hilft da die Karte auf der Internet-Seite der AG Osteland bei der Orientierung.

 

Mit dem Bötchen durch die Pütten hüppen

 

Flussaufwärts führt die Route direkt am Geesthof entlang. Am Ufer gelegen, bietet der Ferienpark Besuchern eine ganz besondere Fahrt auf der Oste mit Deutschlands einzigem Püttenhüpper. „Wir können damit in die Pütten hüppen. Das ist eine große Wasserfläche, ein ausgedeichter Bereich, der auch als Hochwasserschutz dient“, erklärt Clemens von Marschalck, der Besitzer des Geesthof. Das geht allerdings nur, wenn auf der Oste Flut herrscht. Zweimal am Tag steigt und fällt das Wasser hier um etwa einen Meter. Aber auch bei Ebbe kann man sich auf dem Boot den Wind um die Nase wehen lassen und mit etwas Glück einen Seeadler oder einen Eisvogel beim Jagen beobachten.

 

Der „Eiffelturm des Nordens“ sorgt für eine sichere Überfahrt

 

Auf der einen Seite weite Felder, auf der anderen der Deich: So geht es weiter Richtung Norden. Schon von weitem ist die Schwebefähre Osten-Hemmoor zu sehen. Dabei wird schnell klar, warum die Fähre auch als „Eiffelturm des Nordens“ bekannt ist: Mit den verzweigten Stahl-Pfeilern erinnert sie an das Pariser Wahrzeichen. Weltweit gibt es heute nur noch acht Schwebefähren und nur die in Osten wird ehrenamtlich betrieben. Fast täglich lassen Karl-Heinz Brinkmann und drei Kollegen von der „Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre Osten“ Gäste in acht Minuten von Osten nach Hemmoor schweben – und zurück.

Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Gemeinde Osten das Handelszentrum der Region. Um sowohl Schiff- als auch Straßenverkehr entlang des Flusses zu ermöglichen, wird eine Schwebefähre entworfen. „Der Vorteil dieser Gondel ist eben, wir können jederzeit anhalten, das Schiff durchlassen, weiterfahren und der Straßenverkehr floss“, sagt Kapitän Karl-Heinz Brinkmann. Heute steht die Schwebefähre unter Denkmalschutz. In die Gondel dürfen deswegen nur Fußgänger, Fahrräder und Oldtimer. Alle anderen Autos müssen die nahegelegene Brücke nutzen.

 

Hochprozentiger Spaß im Buddelmuseum

 

An die ehemalige Handelsmetropole erinnert in der verschlafenen Gemeinde Osten heute nicht mehr viel. Die idyllische Stadt mit dem historischen Ortskern hat trotzdem einiges zu bieten: Zum Beispiel eine hochprozentige Ausstellung. Das Buddelmuseum präsentiert die Alkohol-Sammlung der Ostener Kornbrenner Doornkaart. Mit um die viereinhalbtausend Flaschen ist die alles andere als staubig und trocken. Modellautos, die mit einem Sprit der etwas anderen Art getankt sind, ein bis zum Stehkragen voller Elvis oder eine tanzende Schnapsflasche - hier gibt es Alkohol in allen erdenklichen Behältnissen, Formen und Farben.

 

In Balje endet die Reise

 

23 Kilometer weiter mündet die Oste am Sperrwerk in Balje schließlich in die Elbe. Damit endet auch der Osteradweg. Radler können ab Cadenberge mit dem Zug abreisen oder der Deutschen Fährstraße weiter nach Schleswig-Holstein folgen. Weitere schöne Radwege in Hamburg und Schleswig-Holstein finden Sie hier.

 

Luisa Ziegler

 

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