Intime Details erwünscht: Diskussionen um Anmeldebogen von Kieler Waldorfschule

 

Wie lange wurde Ihr Kind gestillt? Gab es Komplikationen bei der Geburt? Wie lange sieht ihr Kind durchschnittlich pro Tag Fernsehen? Es sind solche intimen Fragen auf dem neusten Anmeldebogen zur Kieler Waldorfschule, die gerade bundesweit Aufsehen erregen. „Sind die Fragen noch gerechtfertigt? Oder findet bereits ein Eingriff ins Familienleben statt?“, lautet der Kernsatz einer ursprünglich auf Twitter gestarteten Debatte.


Kritiker sehen einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Privatsphäre


Auf dem sozialen Nachrichtendienst war der Fragenkatalog des Anmeldebogens zuvor veröffentlicht worden. So richtig Fahrt nahm die öffentliche Diskussion dann auf, als auch die Promis Jan Böhmermann und Oliver Schulz wissen wollten: „Muss das sein?“. Zumindest online scheint die Debatte entschieden. Die Fragen würden zu stark in die Privatsphäre eingreifen, lautet es in den zahlreichen Kommentaren immer wieder.


Kieler Waldorfschule reagiert: Beantwortung der Fragen ist freiwillig


Unerwähnt blieb allerdings zumeist eine Tatsache, mit der sich die Kieler Waldorfschule selbst gegen die Kritik verteidigt: Die Beantwortung der Fragen ist nachdrücklich freiwillig. Dem Fragebogen der Schule liegt ein Eltern-Anschreiben bei, das das deutlich macht. Ein unausgefüllter Bogen sei kein Ausschlusskriterium, da die Waldorfschule Kiel ohnehin fast jeden Bewerber für die erste Klasse annehme.
Das Schreiben liefert auch gleich eine Begründung für die ausführlichen Fragen. „Um den Kindern eine ganzheitliche, gesunde Entwicklung für Leib, Seele und Geist zu ermöglichen, sind die Entwicklungsschritte eines Kindes vor der Einschulung für uns sehr wichtig.“, heißt es auf dem Papier. Schulleiter Murat Özmen betont: „Es geht um ein besseres Verständnis des Kindes, das unsere Schule besuchen soll.“


Waldorfschule – Was war das noch gleich?


2018 zählte der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) 245 dieser freien Schulen in Deutschland. Genau genommen handelt es sich dabei um staatlich genehmigte oder staatlich anerkannte „Ersatzschulen in freier Trägerschaft“, die nach der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfpädagogik unterrichten. Damit die Kinder Teil dieser alternativen Schulform sein können, müssen ihre Eltern Schulgeld zahlen. Das richtet sich nach deren Einkommen und liegt laut dem BdFWS im Durchschnitt bei 190 Euro im Monat.


Das Konzept der Waldorfschulen


An Waldorschulen stehen zwar auch ganz klassisch Rechtschreibung, Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen auf dem Lehrplan, darüber hinaus sollen Kinder und Jugendliche mit Fächern wie Eurythmie (Bewegungskunst), Handarbeit oder Gartenarbeit aber auch verstärkt künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten erlangen.
Laut Aussagen des BdFWS ginge es im Allgemeinen weniger um vergleichbare Schulabschlüsse, sondern vielmehr um individuelle Fortschritte. Trotzdem können die Kinder die Schule auf Wunsch auch mit einem Hauptschulabschluss, dem mittleren Schulabschluss oder dem Abitur verlassen.  Das klassische Sitzenbleiben gibt an Waldorschulen übrigens nicht.


Wie geht es jetzt weiter mit der Casa Waldorf-Bogen?


Das Individuum ist der Waldorfschule also wichtig. Warum aber zum Verständnis des einzelnen Schülers Details über Stillzeiten und Geburtsbedingungen von Nöten sind, dazu hat sich die Schule bisher konkret nicht noch einmal geäußert.
Weil Waldorfschulen selbstständig arbeiten, sind sie grundsätzlich nur den eigenen Lehrern und Eltern rechenschaftspflichtig. Kein staatlicher Schulrat kontrolliert sie. Allerdings hat das Bildungsministerium als allen Schulen übergeordnete staatliche Behörde ein Aufsichtsrecht. Im Rahmen dessen wolle man nun prüfen, „inwieweit der Aufnahmebogen die rechtlichen Anforderungen einhält“, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit. Da die Beantwortung des Fragenbogens freiwillig ist, hat die Kieler Waldorfschule wohl nicht mit Konsequenzen zu rechnen.


Lorraine McIlvenny

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