Emotionaler Prozessauftakt: Müllwagenfahrer überfuhr Elfjährige beim Abbiegen

 

Es passiert am Morgen des 18. Januars. Müllwagenfahrer Rene H. will mit seinem LKW an einer Kreuzung in Lehrte rechts abbiegen. Seine Ampel und die der Fußgänger springen auf grün. Und dann passiert der schreckliche Unfall: Rene H. übersieht beim Abbiegen die elfjährige Esra. Beim Prozessauftakt am Landgericht Hildesheim muss er sich jetzt wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

 

Es wird viel geweint im Gerichtssaal

 

Schon bevor der Richter den Saal betritt, stellt die Mutter von Esra unter Tränen Fotos von ihrem getöteten Mädchen auf. Über ein Jahr ist es jetzt her, dass ihre kleine Tochter beerdigt wurde. RTL Nord hat die Familie damals an ihrem schwersten Tag begleitet. Heute treten Esras Eltern und drei ihrer Brüder als Nebenkläger auf. Zunächst wird die Anklageschrift verlesen. Darin heißt es, dass Esra bei dem Unfall 20 Meter mitgeschleift wurde, bevor die Elfjährige starb – Esras Mutter bricht wieder in Tränen aus. Der Angeklagte Rene H. hat dann das erste Wort. Der 36-Jährige sagt, dass er Esra nicht gesehen habe. Er beteuert unter Tränen: "Ich habe von dem ganzen Geschehen nichts mitbekommen. Am Nachmittag rief die Firma an." Auch zu Esras Familie spricht der Familienvater: "Ich wollte nur sagen, es tut mir unendlich leid. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn es mein Kind gewesen wäre. Ich würde alles dafür tun, um es ungeschehen zu machen, aber ich kann es nicht ändern."

 

Hätte Rene H. das Mädchen sehen können?

 

Bei einer Verurteilung drohen Rene H. bis zu fünf Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung. Im Prozess geht es vor allem um die Frage, ob er sich sorgfältig umgeschaut hat, bevor er abbog. Der Familienvater sagte heute: "Ich bin das seitdem immer wieder im Kopf durchgegangen. Ich bin eigentlich ein sehr akribischer Mensch." Sein Müllwagen war mit einer Frontkamera ausgestattet, die beim Abbiegen auf eine Seitenkamera umschaltete. Laut Rene H. habe er aber das Mädchen weder in der Seitenkamera, noch im Spiegel gesehen. An dem Morgen sei es dunkel gewesen, die Straßenlaternen hätten noch gebrannt. Er habe auch keine Erschütterungen oder Poltern bemerkt, deshalb sei er weitergefahren, sagte der 36-Jährige heute. „Hätte ich das mitbekommen, ich hätte alles gemacht, ich wäre aber nicht weitergefahren."  

 

Rene H. befindet sich in psychologischer Betreuung

 

Rene H. wird seit dem Unglück psychologischer behandelt. "Ich versuche damit klar zu kommen und es zu verarbeiten. Aber es ist nicht leicht, vor allem wenn man selbst Kinder hat. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, wie sich die Familie fühlen muss", sagt er vor Gericht aus. Als Müllwagenfahrer arbeite er nicht mehr: „Bis heute bin ich nicht in der Lage LKW zu fahren. Es ist wie eine Lähmung. Beim ersten Mal bin ich bis zur ersten Trittstufe gekommen. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll."    

 

Kim Laura Umlauf / Carmen Gocht

 

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